Speicherkrise: Licht am Ende des Tunnels – aber zuerst bei den SSDs und Ende 2027
Wer in den letzten Monaten RAM oder SSDs gekauft hat, kennt das Problem: Speicher ist so teuer wie lange nicht mehr. Zwei kurze Clips des Kanals Gamer Meld Bytes machen gerade Hoffnung, dass das bald vorbei ist (Short vom 4.10., Video vom 15.9.). Ich die Aussagen prüfen lassen und mit den Primärquellen abgeglichen. Kurzfassung: Bei Flash ist die Hoffnung begründet, bei DRAM eher nicht.
Wo wir stehen
Treiber der Krise ist der KI-Ausbau. Die Hersteller lenken Wafer-Kapazität bevorzugt in HBM und Server-Speicher, für den Rest bleibt weniger übrig [1][4]. Für das vierte Quartal 2026 erwartet TrendForce bei den Vertragspreisen nochmals +10–15 % für DRAM und +15–20 % für NAND gegenüber dem Vorquartal [1]. Wie extrem die Lage ist, zeigt eine andere Zahl: DRAM und NAND sollen 2026 rund 47 % der Investitionsausgaben der großen Cloud-Anbieter ausmachen, 2027 sogar 68 % [2].
Hoffnung 1: NAND kippt 2027 ins Überangebot
Der Short stützt sich auf eine TrendForce-Prognose, und die gibt es tatsächlich [3]:
- 2026 fehlen am NAND-Markt rund 4–5 % Angebot.
- 2027 wächst das Angebot schneller als die Nachfrage. Ab der zweiten Jahreshälfte 2027 soll sich die Lage entspannen.
- Ein Grund dafür ist die schwache Nachfrage aus dem Consumer-Bereich: Die Smartphone-Produktion sinkt 2026 um 15–20 %, die Notebook-Auslieferungen um etwa 10 %. Beide Segmente stehen zusammen für knapp 40 % der NAND-Nachfrage.
Ergänzend sieht TrendForce für 2027 eine klare Zweiteilung: Bei NAND entsteht Abwärtsdruck auf die Preise, bei DRAM wird die Lücke dagegen größer [4].
Wildcard China: Laut Financial Times will YMTC bis Ende 2027 größter NAND-Hersteller der Welt werden [5]. Im zweiten Quartal lag YMTC bei rund 14 % Marktanteil, Samsung bei rund 25 %. Finanziert werden soll das unter anderem durch einen Börsengang in Shanghai über 33 Mrd. Yuan (ca. 4,9 Mrd. USD): 20,8 Mrd. sollen in den Produktionsausbau fließen, 12,2 Mrd. in Forschung und Entwicklung [5][6]. Das Ziel ist sportlich: Seit Ende 2022 steht YMTC auf der US-Entity-List und baut deshalb Linien mit chinesischen Fertigungsanlagen auf [5].
Was der Short überzeichnet: Es heißt dort, SSDs könnten sogar billiger werden als vor der Krise. Das ist eine Extrapolation des Kanals, TrendForce macht in der Mitteilung keine konkrete Preisprognose [3]. Außerdem kommt das zusätzliche Angebot laut TrendForce vor allem aus Technologiemigration, also mehr Layern pro Chip, und nicht aus neuen Fabs. Neue Fab-Fläche fließt weiter bevorzugt in DRAM [3].
Hoffnung 2: High Bandwidth Flash (HBF)
Das zweite Video stellt HBF als „Lösung der Krise“ vor. Die Idee: Ähnlich wie bei HBM werden viele Chips übereinandergestapelt und direkt neben den KI-Beschleuniger gesetzt, nur eben NAND- statt DRAM-Dies. Die Fakten:
- Sandisk und SK hynix haben die erste Spezifikation im August 2026 auf der FMS über das Open Compute Project veröffentlicht, also als offenen Standard. Google und Tenstorrent sind dem Konsortium beigetreten [7][8].
- Die Spezifikation sieht bis zu 512 GB pro Stack vor (8 oder 16 Dies), drei Bandbreitenstufen von etwa 0,4 bis 3,0 TB/s und eine Anbindung über UCIe [8].
- Sandisk verspricht eine 8- bis 16-fache Kapazität von HBM bei ähnlichen Kosten [9]. Ersetzen soll HBF den HBM-Speicher aber nicht, beide sollen nebeneinander laufen [7]. Flash hat schlicht eine deutlich höhere Latenz als DRAM.
- Zielmarkt ist KI-Inferenz, wo große Modelle und lange Kontexte vor allem Kapazität brauchen.
Der Zeitplan ist der Haken. 2025 nannte Sandisk Samples in der zweiten Hälfte 2026 und erste Inferenz-Geräte Anfang 2027 [9]. Bei der Vorstellung der Spezifikation gab es keine neuen Termine mehr [7][8]. Mit nennenswerten Stückzahlen sollte man deshalb nicht vor 2028 rechnen.
Und ein Denkfehler im Video: HBF entlastet DRAM, indem es Nachfrage auf NAND verlagert, ausgerechnet auf den Markt, der 2026 selbst noch knapp ist. Auf DDR5 im Laden wirkt das nur indirekt, falls Hersteller dadurch weniger Wafer für HBM reservieren müssen.
Fazit
Die Speicherkrise endet nicht überall gleichzeitig:
- SSDs/NAND: Die Prognosen sprechen für eine Entspannung ab der zweiten Hälfte 2027. Mehr Layer pro Chip, schwache Consumer-Nachfrage und Chinas Ausbau wirken in dieselbe Richtung.
- RAM/DRAM: 2027 bleibt es eng. Neue DRAM-Fabs gehen laut TrendForce erst ab der zweiten Jahreshälfte 2027 in Betrieb, substanziell liefern sie ab 2028 [4].
- HBF ist ein spannender Architekturansatz und als offener Standard ein gutes Zeichen. Kurzfristig ist er aber kein Rettungsanker für Endkunden.
Wer also eine größere SSD nicht dringend braucht, kann mit dem Kauf eher warten. Bei RAM kann man anscheinend nicht vor 2028 mit spürbarer Entspannung rechnen. Eine Restunsicherheit bleibt: Alle Zahlen sind Prognosen, und ein weiterer KI-Nachfrageschub kann sie schnell überholen.
Quellen
- TrendForce, 30.09.2026: AI Server Demand Sustains Memory Contract Price Increases in 4Q26, While Consumer-Side Pressure Persists
- TrendForce, 25.08.2026: Memory Prices Soar; DRAM and NAND Flash to Account for 68% of Major CSP CapEx in 2027
- TrendForce, 21.07.2026: NAND Flash Supply Growth to Outpace Demand in 2027, Easing Supply Constraints in 2H27
- TrendForce, 30.07.2026: Diverging Memory Market Outlook in 2027 as DRAM Supply Remains Tight While NAND Flash Supply Conditions Ease
- Tom’s Hardware (auf Basis der Financial Times): China’s YMTC aims to become the world’s largest NAND maker by the end of 2027
- DigiTimes, 26.08.2026: YMTC targets global NAND lead by 2027 as parent seeks US$5 billion IPO
- Sandisk, 03.08.2026: Sandisk and SK hynix Advance Global Standardization of High Bandwidth Flash with Release of First OCP Technical Specification
- SK hynix Newsroom, 08/2026: SK hynix Unveils First HBF Standard Specifications with Sandisk at FMS 2026
- Sandisk via Business Wire, 06.08.2025: Sandisk to Collaborate with SK hynix to Drive Standardization of High Bandwidth Flash Memory Technology






